5. FASTENSONNTAG

Evangelium nach Johannes (8,1-11):

„Jesus Christus ist jetzt mein Herr. Zu ihm will ich gehören. Ihn will ich immer besser kennen lernen. Dabei ist mir klar, dass ich es noch lange nicht erreicht habe, Christus ähnlich zu sein“, ... sagt Paulus. Was geht in einem Menschen vor, der so spricht, so denkt? Was hat dieser Jesus in ihm bewirkt? Er hat sein Leben geändert, grundsätzlich. Paulus hat die Lebenseinstellung, die Geisteshaltung von Jesus übernommen, verinnerlicht. Er denkt wie Jesus, will auch wie er handeln, obwohl er zugibt, dass ihm das nicht ganz gelingt. Ist das nicht Christ sein?

Was kann ich von Jesus lernen? Durch ihn lerne ich z.B. Gott kennen. Im Evangelium vom letzten Sonntag hat Jesus Gott verglichen mit einem bedingungslos barmherzigen Vater, der sich über jeden freut, der zu ihm zurückkehrt, egal was er im Leben gemacht hat. Im heutigen Evangelium zeigt Jesus, wie diese Barmherzigkeit von Gott konkret ausschauen kann, indem der diese schuldig gewordene Frau genau so behandelt, wie Gott es tut. Jesus praktiziert, lebt, diese Barmherzigkeit von Gott und lädt mich ein, es genauso zu tun. Und das ist etwas, was in unserer heutigen Gesellschaft überhaupt nicht selbstverständlich ist. Statt Barmherzigkeit will man ja Strafe und Rache, wenigstens wenn es um andere geht.

Es geht hier um die Frage: Wie gehe ich mit Menschen um, die sich schuldig gemacht haben? Wie macht Jesus es? Die Pharisäer und Schriftgelehrten wollen Jesus in die Enge treiben. Der Fall ist klar: Das Gesetz schreibt Steinigung vor. Wenn Jesus die Frau freisprechen will, macht er sich dem Gesetz gegenüber schuldig. Jesus weiß, dass es diesen Männern nicht um die Frau geht - die ist ihnen egal. Jesus will sie nicht weiterhin in der Öffentlichkeit bloßstellen, indem er auf die Grundsatzdiskussion einsteigt. Deswegen lenkt er ab, bückt sich und schreibt schweigend mit dem Finger auf die Erde. So lenkt er die Aufmerksamkeit von der Frau weg auf sich. Und in einem zweiten Schritt konfrontiert Jesus die Ankläger mit sich selbst, indem er ihren Blick auf ihre eigene Unvollkommenheit lenkt. „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Wer mit dem Versagen eines Menschen konfrontiert wird, tut gut daran, vorsichtig mit seiner Beurteilung umzugehen. Wer sich seiner eigenen Sündhaftigkeit bewusst ist, hat es schon schwieriger, mit Steinen auf andere zu werfen. Die eigenen „Leichen im Keller“ wahrnehmen ist wichtig. So lernt man die Schwächen der Mitmenschen zu ertragen und mit ihnen gut umzugehen.

Das erinnert auch an das Gleichnis vom Unkraut im Weizen, das Jesus einmal erzählt hat. Seine Jünger fragen: „Sollen wir gehen und das Unkraut ausreißen?“ Jesus antwortet: „Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt.“ Wäre es gerecht, diese Frau zur Steinigung zu verurteilen? Und wie ist es dann mit ihrem Mittäter (zu Ehebruch gehören ja zwei)? Und wie ist es dazu gekommen? Vielleicht ist ihr eigener Mann mitschuldig, dass die Frau so weit gegangen ist? Ist sie ein schlechter Mensch, den man beseitigen muss? Oder kann ihr vergeben werden? Die Möglichkeit der Vergebung beginnt dort, wo ich zu einem schuldig gewordenen Menschen sage: „Was du gemacht hast ist falsch. Aber ich akzeptiere dich trotzdem als Mensch. Du bist trotzdem wertvoll. Du hast trotzdem das Recht neu anzufangen, eine neue Chance zu bekommen. Ich traue dir zu, dass du besser bist als das, was deine schlechte Tat über dich aussagt. Du bist unendlich mehr wert.“

„Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten.“ Niemand wirft einen Stein. Niemand verurteilt die Frau, weil sie verstehen, was Jesus meint. Auch Jesus verurteilt sie nicht, obwohl er nichts beschönigt und dieser Frau deutlich macht, dass sie falsch gehandelt hat: „Geh und tue das nicht mehr!“ Er gibt dieser schuldig gewordenen Frau eine neue Lebenschance.

Wie die Geschichte weitergeht, ob auch ihr Mann ihr wieder eine Chance gibt, wird nicht erzählt. Jesus gibt hier nur ein Beispiel dafür, dass es im Leben oft keine Lösung ist, sich nur auf Gesetze zu berufen und nach Strafe zu schreien. Diese sogenannte Gerechtigkeit-ohne-Herz ist oft die größte Ungerechtigkeit. Jesus zeigt uns hier, wie wir wenigstens als Christen untereinander handeln sollten. Barmherzigkeit (und darin steckt das Wort Herz) können wir von Jesus und auch von Gott lernen. Geht miteinander so um, wie Gott mit euch umgeht. Sagt auch zueinander: Ich verurteile dich nicht, auch wenn du dich schuldig gemacht hast. Bei mir hast du immer eine neue Chance.

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